In der Stadt die es nicht gibt.

Es war einmal ein Städtchen. Ein kleines Städtchen, es lag am Land. Eigentlich könnte man schon Dorf sagen, so klein war das Städtchen, aber das spielt hier keine Rolle. Neben dem Städtchen war ein kleiner Wald. Es war ein Mischwald. Eigentlich mehr ein Mischwäldchen, der Wald war nämlich nicht viel größer als das Städtchen. Durch den Wald schlängelte sich ein Bach, der das klarste und sauberste Wasser führte.

In dem Wald, neben dem Bach spielten oft kleine Kinder auf der Lichtung. Die Kinder konnten dort alleine spielen, denn sie hatten ncihts zu befürchten. In der Stadt gab es nur Frieden, und selbst die Tiere und die Menschen lebten in Eintracht miteinander.
Die Häuser waren schön, und schon sehr alt. Meist waren es die Häuser der ur-ur-urgroßeltern der Menschen. Jedes Haus war anders, jedes in einer anderen Farbe angestrichen. Es war ein sehr buntes und glückliches Dorf, der Wald erstrahlte in vielen Grüntönen, die Häuser waren Bunt wie ein Regenbogen, und die roten wangen und strahlenden Augen der Kinder erleuchteten die ganze Stadt.

Dieses Städtchen war so friedvoll und harmonisch, das es jedem der nicht dort wohnte schon regelrecht unheimlich war. Manchmal kamen Besucher in das Städtchen, sie hielten sich nie sehr lange dort auf. Warum, das konnten sich die bewohner des Dorfes nie ganz erklären.

Die Besucher konnten es zwar nie fassen, mit welcher Liebe die Kinder zu den Schmetterlingen sprachen, und mit welcher Glückseligkeit die Straßenmusiker den Menschen Musik vorspielten, ohne Geld anzunehmen. Sie konnten zwar den Blick nicht von den Singenden Vögeln auf den Dächern nehmen, die im Takt der Musik zwitscherten. Sie konnten vielleicht nicht glauben, dass die Menschen mitten auf der Straße stehen blieben um sich einen guten Tag zu wünschen, und sie waren mehr als irritiert davon, dass die Rehe sich von den Kindern streicheln ließen, und dass jeder in dieser Stadt scheinbar das höchste Level glück gefunden hatte. Doch das war es nicht, dass die Besucher wieder vertrieb.

Sie sahen sich in der Stadt um, und staunten nicht schlecht, als sie von allen zu sich zum Abendessen eingeladen wurden. Da gab es Nachbarn, die miteinaner an Geschichten schrieben. Sie sahen Teenager, die ihre Großmutter durch den Wald führten und aus ihrem Leben erzählten. Doch das machte die Besucher nur noch neugieriger. Sie kannten das was sie sahen, sie konnten es zuordnen. Sie kannten es nicht aus ihrem Leben, doch vielleicht aus Sagen, aus Märchen, aus Gutenachtgeschichten für Kinder.
Diese Dinge, die die Besucher sahen, und die sie für unmöglich gehalten haben schreckten sie nicht. Sie verunsicherten sie vielleicht, doch sie vertrieben sie nicht aus der Stadt.

Alle Besucher gingen weiter, immer und immer weiter in die Stadt. Sie lernten Menschen kennen. Sie knüpften Freundschaften. Manchmal lebten sie sogar eine Zeit lang in der Stadt. Aber kein Besucher blieb für immer. Denn früher oder später stießen sie alle auf dass Geheimnis der Stadt. Ein Geheimnis, mit dem sie nicht umgehen konnten. Das Geheimnis war etwas, das für die Besucher völlig fremd war. Sie hatten von diesem Ding noch nie gehört, sie hatten es nie gelernt. Es war nie in ihren Lehrbüchern vorgekommen, ihre Eltern hatten sie nie darüber aufgeklärt, was das sein sollte, und wie das funktionierte.
Zwar wunderten sich die Besucher von Anfang an, wie so viele Menschen so offen miteinander sprechen konnten, wie sie ohne zu zögern alles miteinander teilten, doch sie haben es nie hinterfragt. Sobald aber, und dies war unweigerlich früher oder später der Fall, sobald einer der Bewohner sie wie einen Mitbürger behandelten, waren die Besucher grenzenlos überfordert, und suchten so schnell wie möglich das Weite. Sobald sie sich ihren Freunden anvertrauen sollten, liefen sie weg.

Das Geheimnis dieser Stadt nämlich war vertrauen. Grenzenloses vertrauen. Die Besucher hatten nie gelernt, was es heißt jemandem zu vertrauen. Sie hatten es nie kennengelernt, noch nichtmal davon gelesen.

Die Stadt allerdings, in der frieden auf Erden herrschte. Die Stadt in der man sich liebte und respektierte wie in keiner anderen, diese Stadt schien aus nichts anderem zu bestehen als Vertrauen. Sie schien einzig und allein davon zu leben.